der banale glauben


'[..]

Banales Klischee und Faschismus des Alltags

Die Kennzeichnung dessen, was wir meinen mit banal, sei hier kurz erklärt. Es ist üblich, das Alltägliche, Einfache, die Plattheit und all das, was keinen Anspruch auf Kunst etwa, oder "gehobenen Geschmack" hat, als trivial zu bezeichnen. Diese Bezeichnung an sich aber entspringt schon dem banalen Denken, denn sie erweckt die Vorstellung, es sei ganz in Ordnung damit, daß Leute, die eine Trivialschule besuchten oder sonst nicht recht weiter gekommen sind, so etwas wie eine eigene Denk- und Handlungsweise entwickeln, Groschen-romane lesen, Schmalzfilme lieben und CDU wählen. Das Triviale erklärt sich hier durch sich selbst und erhebt Anspruch, die Bedürfnisse bestimmter Leute abdecken zu müssen.

Wenn wir von den gleichen Erscheinungen sprechen, sie aber banal nennen, so liegt der Grund in der Bedeutung des Wortes. Ursprünglich bezeichnete das Wort im 13. Jahrhundert, was in einem bestimmten Herrschaftsbereich angesie-delten Hörigen gemeinsam zur Nutzung gegeben war. 1818 (Heubergers Handwörterbuch) und 1835 (Heyses Fremdwörterbuch) tritt das Wort banal im Zusammenhang mit "zwangsmäßig", "mit Zwang belegt" und "gebieterisch" auf.

Das Wort banal im Zusammenhang mit Klischee bezeichnet in unserem Text also eine bestimmte Bewußtseinsstruktur, die sich zusammensetzt aus beliebig variablen Faktoren und als Summe banaler Klischees kollektives Eigentum ist. Der Zwang des Banalen entsteht durch seine Unterdrückungsfunktion. Wir gehen davon aus, daß die banalen Denkkonstruktionen keine Tatsache des Bewußtseins sind, sondern sie sind verknüpft mit Religiosität und Volksaberglauben (Schicksal, höhere Gewalt, Pech, Glück u.s.w.) bewußtseinsproduzierend. Weshalb das Bewußt-sein so positiv auf das banale Klischee reagiert, liegt einerseits an der mehr oder weniger dumpfen Angst des Individuums, welche das banale Klischee leicht überdeckt, andererseits wird die Illusion von vorhandenem Wunsch, Wunscher-füllung und Glück vermittelt. Deshalb eignet sich das banale Klischee in einer Realität voller Entfremdung so sehr zur Verschleierung der Ungeborgenheit. Es entsteht der Eindruck, als handle es sich bei der Vielfalt der Klischees um tatsächliche Konstellationen der Wirklichkeit.

Wir werden später darauf eingehen, daß der nationalsozialistische Faschismus seine Ver-trauensbasis auf den eifrigsten Gebrauch des banalen Klischees zurückführen kann, ohne damit selbst sich in seiner Theorie vom Banalen zu unterscheiden.

Das Banale am Faschismus ist gleichzeitig das Faschistische am Banalen.

Unser Gedankengang zielt dahin, daß Faschismustheorie im gebräuchlichen Sinne überhaupt keine Schlüsse über die Momente, welche Faschismus ausmachen, zuläßt. Der Zusammenhang zwischen banalem Klischee und Faschismus erscheint uns untersuchenswert, weil wir behaupten, daß ein falsches Bewußtsein sich aus der Zusammensetzung banaler Klischees ergibt, und daß ganz konkret dieses so zusammengesetzte falsche Bewußtsein immer wieder Ergebnis und Voraussetzung für seine Manipulationsfähigkeit durch entsprechende Herrschaftsformen ist.

[..] Ein Moment ist dem Banalen, sei es nun im Gebrauch feudaler oder bürgerlicher Gesell-schaften, gemeinsam, das ist seine Funktion als Herrschaftsinstrument. Das Banale eignet sich bei der Anwendung von Herrschaft und Gewalt so gut, weil es die Unterdrückung verschleiern hilft.

Die Zwänge, welche sich im banalen Denken und Handeln niederschlagen, geben sich als Errungen-schaften gesellschaftlicher Entwicklung aus. Die Inhalte einer heilen, geordneten und sinnvollen Existenz wie z. B. Ordnung, Eigentum, Arbeit, heterosexuelle Liebe, Ehe, Familie, Feierabend, Lebensabend u.s.w. deuten die Verinnerlichung dieser Zwänge an.

Das Banale ist der Niederschlag moralischer Kategorien, es ergießt sich in entleerte Bereiche und zeigt damit sogleich, daß die wesentlichen Bewußt-seinsinhalte vorenthalten werden. Die banale Moral ist zugleich auch die bürgerliche Moral und sie gibt vor, wie man zu sein hat, nämlich: fleißig, ehrlich, sparsam, gewissenhaft, häuslich, kinderlieb, tierlieb, naturlieb u.s.w. wobei die moralischen Anforderungen ges-chlechtsspezifische Inhalte haben und damit ein weiterer Anhaltspunkt für Herrschaft und Unterdrückung gegeben ist.

Das Banale, zusammen mit "Moral und Mensch-lichkeit" als Formel mit kollektivem Gebrauchswert für manipulierbares Volk, ist am besten von allen Mitteln politischer Machtausübung dazu geeignet, Ordnung nach innen zu gewährleisten.

[..]'


[auszug aus 'Der Faschismus als höchstes Stadium banaler Herrschaft' - die schwarze botin - nr. 1 - berlin 1976]



höhere banalitäten

das banale klischee ist ein grund-moment religiösen gefühls, daß dafür sorgt, daß sich menschen in ihrer religion so wohlig warm fühlen.

das banale klischee zeichnet sich dadurch aus, das es einfache antworten auf komplexe probleme verspricht, gruppenidentität über die ausgrenzung ANDERER produziert und dadurch, daß es gruppenintern hierarchien, der am richtigsten, daß richtige glaubenden, aufrichtet.
vor allem aber reproduziert es be-stehende stereotype und liefert eine fluchtmöglichkeit vor den anforderun-gen und drücken des alltages.
alles scheint wohlgeordnet, als einziges problem erscheinen, die äußeren und inneren feinde der gruppe der gläubi-gen, evtl. auch der mangel an glauben in der gruppe.

religiosität, der glaube an eine höhere wahrheit, die sich offenbart, steht dem banalen klischee immer schon nahe. eine aussage, die sich der kritik durch verweis auf höheres entzieht, die auf innenschau basiert, ist offen für die reproduktion jeder form banaler klischees.
in herrschaftsverhältnissen wird sie fast zwangsläufig die bestehenden vorherr-schenden klischees reproduzieren und sei es als ihr negatives. schließlich werden die menschen durch medien und soziales umfeld abgefüllt mit banalen klischees. und die banalen kli-schees finden sich für die, die durch die banale bewußtseinsbrille schauen, auch im alltag bestätigt.

"so sind frauen."
"so sind männer."
"so sind menschen"
"so ist die welt."
"so haben sie zu sein."

sie zu brechen setzt den kritischen diskurs mit anderen voraus und die bewußte auseinandersetzung mit herr-schaftsverhältnissen und widersprü-chen.

das banale bewußtsein bildet aber einen geschlossenen zirkel. alles wird durch die brille banaler klischees betrachtet und dadurch entweder, als bestätigung der klischees gelesen, oder, als böse und abartig, blasphe-misch, widerlich, krankhaft, falsch, unnormal, ausgegrenzt.

der menschenverachtende charakter der religiösen weltsicht liegt unter anderen in dieser überhöhung banaler klischees zu göttlichen wahrheiten.

die banalen klischees einer tv-soap können durch zuschauerInnen mit ironischer brechung kritisch gedreht werden. die banalen klischees aus dem munde von priestern, mönchen, mul-lahs u.a. oder aus der bibel, der veda oder dem koran nehmen aber in an-spruch realität nicht nur zu beschrei-ben, sondern vorzuschreiben.

"so hat die welt zu sein."



das banale grauen

auch 'intelektuelle' theologen der großkirchen wie joseph kardinal ratzinger alias papst benedikt XVI und teile der evangelischen kirche deutsch-lands stehen für diese form banalen grauens.

joseph ratzinger als papst

'Leider ist in unserer Welt auch das Böse gegenwärtig; es gibt eine Ablehnung Christi, die von der völligen Verwerfung bis zur gleichgültigen Haltung reicht.'

[benedikt XVI. - generalaudienz mittwoch, 3. januar 2007]

schriftliche stellungnahmen joseph ratzingers

'Homosexuelle Beziehungen werden in der Heiligen Schrift als schwere Verirrung verurteilt … Dieses Urteil der Heiligen Schrift erlaubt zwar nicht den Schluss, dass alle, die an dieser Anomalie leiden, persönlich dafür verantwortlich sind, bezeugt aber, dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind.'

[joseph kardinal ratzinger - kongregation der glaubenslehre - erwägungen zu den entwürfen einer rechtlichen anerkennung der lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen personen]

auszug aus einem interview mit joseph ratzinger

'Sie haben die Frage nach der Homosexualität schon berührt. Es ist ja nun ein Thema, das die Liebe zwischen zwei Personen betrifft und nicht nur die schiere Sexualität. Was kann die Kirche tun, um dieses Phänomen zu verstehen?

Ratzinger: Lassen Sie mich dazu zwei Dinge sagen. Vor allem müssen wir großen Respekt vor diesen Personen haben, die ja auch leiden und eine ihnen gemäße Weise des rechten Lebens suchen. Auf der anderen Seite hilft es diesen Personen jedoch nicht wirklich, wenn wir nun die juristische Form einer Art homosexueller Ehe schaffen.

Demnach beurteilen Sie die Wahl, wie sie in Spanien getroffen wurde, also negativ?

Ratzinger: Ja, weil sie für die Familie und die Gesellschaft zerstörerisch ist. Das Recht schafft Moral oder eine Form der Moral. Denn die Menschen halten im Allgemeinen das, was das Recht erlaubt, auch moralisch für erlaubt. Und wenn wir diese Verbindung als mehr oder weniger gleichwertig mit einer Ehe erachten, haben wir eine Gesellschaft, die weder das Besondere noch den wesentlichen Charakter der Familie erkennt: das heißt das eigentliche Wesen des Mannes und der Frau. Denn Ziel und Zweck ehelicher Verbindungen ist doch, der Menschheit - nicht nur im biologischen Sinn - Dauer zu sichern. Deshalb bringt die spanische Entscheidung diesen Personen keinen wirklichen Vorteil. So zerstören wir nur grundlegende Elemente der Rechts-ordnung.

Eminenz, die Kirche hat schon manchmal Niederlagen erlitten, wenn sie zu allem Nein sagte. Sollte nicht mindestens ein Solidaritätspakt zwischen zwei Personen, auch wenn sie homo-sexuell sind, möglich sein, der vom Gesetz anerkannt wird?

Ratzinger: Die Institutionalisierung einer solchen Verbindung würde notwendigerweise von der öffentlichen Meinung - ob der Gesetzgeber es will oder nicht - als eine andere Form der Ehe wahrgenommen. Damit aber wäre die Rela-tivierung der Ehe unausweichlich. Wir sollten dazu auch nicht vergessen, daß wir uns mit dieser Entscheidung - der Europa inzwischen in einer gewissen Dekadenz zuneigt, um es einmal so zu sagen - von allen übrigen großen Kulturen der Menschheit isolieren, die überall den inneren Sinn der Sexualität anerkannt haben: daß nämlich Mann und Frau geschaffen sind, um in ihrer Verbindung die Zukunft der Menschheit zu garantieren.'


["gott bleibt am rand" - exklusiv-interview mit joseph kardinal ratzinger - 24.11.2004 - die welt]

anzumerken ist, daß in einer ganzen reihe dieser, für joseph kardinal ratzinger vorbildlichen, anderen großen kulturen homosexuelle menschen ver-folgt, gefoltert und ermordet werden.

die evangelische kirche steht für ein anderes banales klischee, für sie sind alle menschen gleich, sie ist die große gleichrednerin. sie postuliert dabei die gleicheit ohne sie einzufordern. sie fordert nicht auf herrschaftsverhält-nisse abzuschaffen sondern gerechte herrschaft. sie fordert also, mit dem wort gleicheit (vor gott) auf den lippen, das fortbestehen der ungleichheit, denn nichts anderes ist herrschaft. die evangelische kirche übertüncht die interessenkonflikte der gesellschaft, die strukturen der machtausübung und unterdrückung mit moralischer kritik. herrschaftsmißbrauch ist aber keine frage der moral, sondern herrschaft an sich ist mißbrauch.
das dogma der erbsünde als einer allgemeinen menschlichen schuld der gottlosigkeit, die nur durch die gnade gottes aufgehoben wird, führt in der evangelischen auslegung auch in alltagshandeln zu einer einstellung des, 'alle sind schudlig'. die evangelische kirche hat damit in ihrer dogmatik die entschuldung deutscher täterInnen im nationalsozialismus, die ausrede des 'es haben alle mitgemacht', vorweg-genommen und heute überführt in eine allgemeine entschuldungspraxis von täterInnen im kapitalismus, in sexis-tischen und rassistischen strukturen.
das problem scheint die verworfenheit, der menschen an sich, zu sein, reale interessengegensätze werden so ent-nannt. die weltbank oder der interna-tionale weltwährungsfond und andere strukturen, die gerade dazu geschaffen wurden die herrschaftsverhältnisse fest- und fortzuschreiben können so nicht mehr grundsätzlich kritisiert werden. erst recht geraten die kritik der kapitalistischen wirtschaftsordnung oder strukturen sexistischer täterschaft aus dem blickfeld. die probleme werden auf das individuelle moralische versagen von menschen reduziert, das noch dazu zum menschlichen schicksal erklärt wird.

das grauen liegt hier in der aus-blendung der gewalt die in den struk-turen manifestiert ist.

dies führt dazu, daß die evangelische kirche die strukturen der unter-drückung selbst mit unterstützt, z.b. die neoliberale eu-verfassung, die im text 'menschen, waren, dienstleistun-gen und kapital' als dasselbe gleich-setzt (- eu-verfassung-kritik -), bei gleichzeitiger ablehnung der folgen als lippenbekenntnis.

gleichzeitig kommt es zu einer ausgrenzung derjenigen, die dieses 'wir sind alle schuldig' und den daraus resultierenden gruppen taumel durch-brechen, eine realität, die ausgeblendet bleibt.
entsprechend positiv wurde von der evangelischen kirche auch der neo-nationalistische taumel der fußball-wm 2006 aufgenommen vollständig blind für die aggression, die darin enthalten war.

EER 4/2007

































christen europa, europäischer ethikratschlag, der banale glauben

christen europa philosophie glauben papst benedikt xvi joseph ratzinger evangelische kirche erbsünde neoliberalismus homosexualitaet faschismus