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Literaturhinweise zu Kritik und Alternativen
- Erkenntnistheorie - Alternativen -

Letzte Aktualisierung 30.05.2010









Literaturhinweise zur Kritik und Alternativen - Erkenntnistheorie - Epistemologie - Philosophie Naturwissenschaften -: Semiotik, Julia Kristeva, Luce Irigaray, Psychoanalytische Theorie, Psychoanalyse, Epistemologie, Gaston Bachelard, Ludwig Wittgenstein, Logik, Grundlagen Jean Baudrillard, Poststrukturalismus











Erkenntnistheorie & Alternativen


10.11.2277 - Basisseminar in Selbstverwaltung - Kurzreferat:
Zum historischen Wissen über den Umgang mit Erkenntnistheorie & Alternativen im 21ten Jahrhundert.

Vorarbeit zu einer Forschungsarbeit zur Bedeutung anarchistischer Theorieentwicklung für den epistemologischen Bruch von der alternativlosen dogmatischen singulären erkenntnistheoretischen Praxis des 21ten Jahrhunderts zur kritischen Rationalität des 23ten Jahrhunderts.


Liest fan Texte aus dem 21tes Jahrhundert erstaunt immer wieder, wie einfach in dieser Zeit noch die Einstellung zur Frage Erkenntnistheorie & Alternativen war. So reflektierten die meisten weder die Grundlagen ihrer erkenntnistheoretischen Praxen, noch durchdachten sie Alternativen. Trotzdem sie sich auf diese Weise unreflektiert auf eine erkenntnistheoretische Praxis bezogen, ohne Alternativen auch nur zu bedenken, glaubten die Menschen damals, sie würden rational argumentieren.

Aus Sicht des 23ten Jahrhunderts ein kaum noch verständliches Denken, lernen doch heute bereits Kinder ab 4 alternative Erkenntnistheorien spielerisch und alltäglich kennen.

Wieso eine Gesellschaft, die gerade die Ignoranz und Antirationalität der kirchlichen Dogmen kritisiert und überwunden hatte, selbst durch diese dogmatische Fixierung auf eine Erkenntnistheorie ohne Alternativen in den alten Zustand zurückfiel, wurde bereits ausführlich an anderer Stelle diskutiert.
Ich verweise hier nur auf die Arbeiten der Gruppe bini.


bini sieht hier unterschiedliche Aspekte zusammenwirken bei der Ignoranz gegenüber einem kritischen Umgang mit Alternativen zur damals vorherrschenden Erkenntnistheorie;

- Das bürgerliche Subjekt definierte sich im Gegensatz zum anarchistischen Subjekt nicht bezogen auf die konkrete Handlungspraxis, sondern auf eine abstrakte Gesellschaftsstellung. Die Infragestellung gesellschaftlicher Bedeutungszuweisungen, z.B. die Infragestellung akademischer Titel, war damit eine Bedrohung des Subjektes selbst. Da eine kritische Erkenntnistheorie aber gar nicht möglich ist, ohne substantielle Infragestellungen auch der gesellschaftlichen Setzungen und das Denken in Alternativen immer beinhaltet, wurde vom bürgerlichen Subjekt kritische Rationalität als substantielle Bedrohung wahrgenommen.

- Ein weiterer Grund für die Schwierigkeiten im Umgang mit kritischer Erkenntnistheorie und erkenntnistheoretischen Alternativen war die abstruse Konzeption vereindeutigter Geschlechtscharaktere, die im Leben der Menschen damals eine große Rolle spielten. Insbesondere die sogenannten 'Männer' definierten sich über extrem starre Rollenmuster, die tief in das Unbewußte eingeschrieben waren. Für diese 'Männer'-Menschen war jede Form kritischer Rationalität zutiefst bedrohlich und damit auch jede Form kritischer Erkenntnistheorie und das Durchdenken von Alternativen, hätte dies doch immer auch eine Auflösung der starren geschlechtlichen Selbstzuschreibung bedeutet.
Aus der heutigen Sicht des 23ten Jahrhunderts ist sicher nicht verständlich, wieso die Auflösung dieser starren geschlechtlichen Zuschreibung als Gefahr und nicht als Glück gesehen wurde, zu sehen ist die Verknüpfung von Sexualität, Macht und Gewalt, die in der damaligen Gesellschaft üblich war.

- bini weist in einem anderen Punkt noch mal auf diese Problematik hin, der eine sehr herausgehobene Rolle bei der Ablehnung einer kritischen Erkenntnistheorie und von Alternativen zukommt.
So gab es im 21ten Jahrhundert nicht nur das genannte problematischen Selbstverständnis der 'Männer'-Menschen, sondern insgesamt eine aus heutiger Sich kaum zu begreifende binäre Spaltung der Bevölkerung in zwei Geschlechter. Den 'Männer'-Menschen wurden 'Frauen'-Menschen gegenüber gestellt. Menschen, die von diesen Idealen abwichen, wurden mit vielfältigen medizinischen Praxen (sogenannte Schönheits-OP'S, Behandlung der Körperbehaarung, Zwangsoperation von 'Intersexuellen', usw.) den ideellen Vorgaben angeglichen.
Dieser simplen binären Geschlechterordnung korrespondierte ein Denken in Weiß/Schwarz-, Richtig/Falsch-Logiken auch auf anderen Ebenen. Auch dies ließ es für die meisten Menschen nicht zu, sich kritisch rational mit den Grundlagen ihrer erkenntnistheoretischen Praxis und mit Alternativen auseinanderzusetzen, hätte sie damit doch auch diese binäre Ordnung erschüttert, auf der große Teile ihrer Lebensweise beruhten.

- Natürlich hat auch das im 21ten Jahrhundert noch nicht abgeschaffte kapitalistische System eine Rolle gespielt. Im globalisierten Kapitalismus des 21ten Jahrhunderts war es notwendig Dingen einen abstrakten, kontextunabhängigen und eindeutigen Tauschwert zuzuweisen und alle Lebensbereiche der Tauschwertlogik zu unterwerfen. Dies schloß alternative Sichtweisen aus und damit natürlich auch eine alternative kritische Erkenntnistheorie, die die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer erkennenden Praxis hinterfragt.
Mir ist vor kurzem ein ca. 250 Jahre alter Aufsatz Die Reduktion des Menschen von einem Robert Kurz in die Hände gefallen, in dem dieser Autor damals schon wesentliche Teile dieses Problems ausführt. Auch WissenschaftlerInnen des 20ten Jahrhunderts aus der feministischen Theorie, der kritischen Theorie und aus dem Poststrukturalismus war wohl dieses Problem im Umgang mit Erkenntnistheorie und Alternativen bewußt.

- Auch der im 21ten Jahrhundert immer weiter zunehmende Einfluß der Konzerne auf die Universitäten, wie dies genau abgelaufen ist, wurde ja für den deutschen Sprachraum exemplarisch in den Bertelsmann-Prozessen Mitte des 22ten Jahrhunderts ausführlich aufgedeckt, führte nicht nur zum Niedergang der Wissenschaften, sondern vorab bereits zum Ausschluß kritischer Rationalität aus den wissenschaftlichen Institutionen. Technokratische Optimierungsstrategien zerstörten die bis dahin vorhandenen Keime für die Entwicklung einer kritischen Erkenntnistheorie und alternativer erkenntnistheoretischer Ansätze.
Die Installation totalitärer Präsidialdiktaturen und von Hochschulräten, die primär Konzerninteressen verfolgten, an deutschsprachigen Universitäten im Laufe des 21ten Jahrhunderts, führte auch zur direkten Repression gegen kritische WissenschaftlerInnen, die erkenntnistheoretische Fragen nicht unabhängig vom Denken in gesellschaftlichen Alternativen diskutieren wollten.

- Nur in diesem Gesamtkontext ist auch der Fetisch quantitativer Bewertungsschemata zu begreifen. Sicher ist die damalige historische Realität, daß angenommen wurde, wissenschaftliche Fähigkeiten ließen sich mit Multiple-Choice-Tests feststellen, aus heutiger Sich ähnlich schwer nachvollziehbar, wie der Glaube an das Dogma der unbefleckten Empfängnis, für damals lebende Menschen war dies aber real.
Kritischer Erkenntnisfähigkeit lief eine solche Dressur durch ankreuzbare vorgefertigte Antworten diametral entgegen. Insgesamt waren die quantitativen Bewertungsschemata ein erhebliches Hindernis bei der Durchsetzung kritischer Erkenntnistheorie und erkenntnistheoretischer Alternativen. Viele StudentInnen des 21ten Jahrhunderts hatten die Ideologie quantitativer Bewertungsschemata internalisiert und waren lange Zeit nicht bereit diesen Glauben auch nur in Frage zu stellen.

- bini führt weiter aus, daß auch die Studiengebühren und die viel zu kurze Studiendauer dazu beitrugen, daß StudentInnen gar keine Zeit hatten sich mit Alternativen zur hegemonialen Erkenntnistheorie, bzw. sich überhaupt mit Erkenntnistheorie, zu befassen.
bini sieht hier drin sogar einen Grund für die Einführung der Studiengebühren, die primär als Disziplinarinstrument eingeführt wurden, um StudentInnen das kritische Denken abzugewöhnen, in dem sie einfach keine Zeit für die Auseinandersetzung mit Alternativen zum zunehmend gleichgeschaltetem Lehrstoff ließen.

- Für die Medien des 21ten Jahrhunderts läßt sich m.E. ähnliches wie für die wissenschaftlichen Institutionen festhalten, eine Reflektion auf die eigene erkenntnistheoretischen Grundlagen und ihre gesellschaftliche Bedingtheit oder gar das Durchdenken von Alternativen fand nicht statt. Auch hier wurde durch die Doppelung von Zeitdruck auf die Schreibenden und direktem dirigistischen Durchgriff der höheren Konzernangestellten, sowie vorauseilendem Gehorsam, sicher gestellt, daß kritische Erkenntnistheorie und die Diskussion von Alternativen weder Zeit noch Raum fanden.

- Das Funktionsprinzip der parlamentarischen 'Demokratie', die im 21ten Jahrhundert in der Blüte ihrer Machtentfaltung stand, das darin bestand Partialinteressen als Allgemeine zu verkaufen, in dem höhere Notwendigkeiten konstruiert wurden, war ebenfalls davon abhängig, das eine kritische Hinterfragung der erkenntnistheoretischen Grundlagen und der ausgeschlossenen Alternativen nicht statt fand.

- Zusätzlich muß gesehen werden, daß im 21ten Jahrhundert auch noch eine Praxis existierte, die sich 'Copyright' nannte, damit wurden Besitztitel für Gedanken (in Form von Texten / Filmen / Kunstwerken) vergeben. So seltsam uns diese Praxis heute erscheinen mag, an Gesichts des Wissens um die komplexen Zusammenhänge intersubjektiven Agierens für jede Form von Kreativität, so führte diese Praxis dazu, daß wiederum vor allem Konzerne erhebliche Teile des kulturellen Gedankengutes privatisieren konnten. Damit waren sie aber großen Teilen der Bevölkerung nur sehr eingeschränkt zugänglich.
Auch dies machte es Vielen schwer, sich kritisch mit der immer wieder vorgekauten hegemonialen Erkenntnistheorie auseinanderzusetzen, waren die Werke der Kritik und der Alternativen doch zum Teil nur Universitätsangehörigen zugänglich oder mußten teuer bezahlt werden.

- Auch die frühkindliche Sozialisation vor allem durch den Automobilverkehr des 21ten Jahrhunderts, die schon Kleinkinder auf das sture Befolgen von Regeln hin dressierte unter Androhung körperlicher Verstümmelung und Tod, bei Nichtbefolgen der (Verkehrs)Regeln, führt bini als Problem an, das zur Unfähigkeit kritischen Denkens vermutlich schon in diesem Entwicklungsstadium beigetragen hat.
bini vermutet, daß dies bei vielen auch im Erwachsenenalter zur Angstabwehr gegenüber der Aufforderung Alternativen auszuprobieren geführt hat, und damit auch seinen Niederschlag in der Unfähigkeit zur Hinterfragung der vorgegebenen erkenntnistheoretischen Modelle fand.



Nach bini muß all dies zusammen gedacht werden um die weit verbreitete Unwilligkeit, Alternativen zur hegemonialen Erkenntnistheorie in die wissenschaftliche Theorie und Praxis mit einzubeziehen, zu begreifen. Erst im Zuge der anarchistischen Revolutionen im 22ten Jahrhundert setzte sich die kritische Rationalität mit ihrem metatheoretischen Denken über erkenntnistheoretische Ansätze und Alternativen durch.




Gefunden in der Schublade enes alten Schranks;
J.Djuren, Hannover 2006/08








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